
{"id":3274,"date":"2013-03-28T10:29:24","date_gmt":"2013-03-28T09:29:24","guid":{"rendered":"http:\/\/bibellesen.jule-pape.de\/?p=3274"},"modified":"2013-03-28T10:29:24","modified_gmt":"2013-03-28T09:29:24","slug":"gott-braucht-keine-opfer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bibellesen.jule-pape.de\/?p=3274","title":{"rendered":"Gott braucht keine Opfer"},"content":{"rendered":"<p>Karfreitag ist der Tag, der nicht sein sollte. Im Grunde m\u00fcsste man ihn ausradieren aus den Kalendern. Denn wir sind harmoniebed\u00fcrftige Menschen. Mit rastlosem Gr\u00f6\u00dfenwahn und unendlicher Sehnsucht nach der eigenen Unschuld. Einblick nehmen in Verstrickungen? In das eigene, abgr\u00fcndige Ich? Nein, ein Tag, an dem nur auf das Dunkle und das Ausweglose gestarrt wird, geh\u00f6rt abgeschafft. Eigentlich.<\/p>\n<p>Karfreitag ist der Tag, der keine Ausfl\u00fcchte zul\u00e4sst. Aber nicht, um uns herabzuziehen und schlecht zu machen, sondern um uns Gottes liebevolles Handeln vor Augen zu f\u00fchren. \u201eLasst euch vers\u00f6hnen mit Gott\u201c (2. Korinther 5,14b\u201321) ist die frohe Botschaft dieses Tages, in dem die Heilsbedeutung des Todes Jesu im Mittelpunkt steht. Um diese frohe Botschaft zu entdecken, sind drei Fragen grundlegend: Was ist S\u00fcnde? Was bedeutet S\u00fchne? Und warum musste Jesus \u201ef\u00fcr uns\u201c sterben?<\/p>\n<p><b>1. Was ist biblisch eigentlich mit S\u00fcnde gemeint?<\/b><\/p>\n<p>Auf keinen Fall: zu viel Kuchen zu essen. S\u00fcnde hat mit Moral nichts zu tun. S\u00fcnde meint nicht in erster Linie, sich von Gott zu entfernen, weil man etwas falsch macht. S\u00fcnde ist biblisch ein Beziehungsbegriff und kein ethischer Begriff. Ist die Beziehung zu dem anderen gest\u00f6rt, herrscht die S\u00fcnde, das hei\u00dft: Beziehungslosigkeit. Luther \u00fcbersetzt: Misstrauen.<\/p>\n<p>Dabei wird S\u00fcnde als soziale Gr\u00f6\u00dfe verstanden und nicht blo\u00df individualistisch. Es ist eine Beschreibung des Zustandes, in dem wir Menschen leben. Die Bibel zeichnet ein realistisches Bild vom Menschen, kein aufgekl\u00e4rt-idealistisches: Wir w\u00fcnschen uns gelingende Beziehungen, doch letztlich sind unsere Beziehungen von Misstrauen, Abbr\u00fcchen, Leid und Schuld gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>S\u00fcnde ist ein Zustand mit Folgen. Wir werden fortgesetzt schuldig, etwa an den Schwachen in der Gesellschaft, an der Bev\u00f6lkerung \u00e4rmerer L\u00e4nder, an der Natur \u2013 und zwar durch unser blo\u00dfes Leben und Konsumieren. S\u00fcnde ist mehr als die Summe pers\u00f6nlicher Fehler. In\u00a0 die S\u00fcnde sind wir teilweise ungewollt und dennoch kollektiv verstrickt. Es geht um eine verheerende moralische Gesamtsituation, inklusive lebensfeindlicher politischer und sozialer Strukturen.<\/p>\n<p><b>2. Gott braucht kein Opfer \u2013 S\u00fchne als Befreiung (nach Jesaja 53)<\/b><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Nicht Gott hat Jesus get\u00f6tet, sondern es waren Menschen. Nicht Gott ist grausam, sondern wir. Schonungslos wird die Wirklichkeit von T\u00e4tersein und Opfersein ausgesprochen. Von Gottes Seite aus musste dieser Tod nicht sein.<\/p>\n<p>So hei\u00dft es in Jesaja 53, einem der Gottesknechtslieder, die schon fr\u00fchchristlich zur Deutung des Todes Jesu herangezogen wurden (Jesaja 53,4): Unsere Krankheit hat der Gottesknecht getragen, das hei\u00dft seine Verletzungen gehen auf unser Fehlverhalten zur\u00fcck. Wir haben sein Leid verursacht. Und wir sind immer wieder dabei, genauso zu handeln. Nicht der Gottesknecht selbst ist schuld daran.<\/p>\n<p>Ebenso ist ein Mobbing-Opfer bei der Arbeit oder in der Klasse nicht selbst schuld, sondern er oder sie tr\u00e4gt die Schuld der anderen, Aggressionen werden ihm oder ihr aufgeladen. Wenn diese Person nun aus der Firma oder Klasse entfernt wird, ist die Gruppe dadurch nicht geheilt, sondern die Krankheit ist weiterhin da \u2013 und wird sich ein neues Opfer suchen.<\/p>\n<p>Des Menschen Irrtum ist, dass er denkt, er werde von Gott geschlagen. Dass das nicht stimmt, macht Jesaja 53,5a klar: \u201eWegen unserer Frevel\u201c leidet der Gottesknecht. Im hebr\u00e4ischen Original-Text steht nicht: \u201eEr ist verletzt um unserer Frevel\/Missetaten willen.\u201c<\/p>\n<p>Und Jesaja treibt die Schuld und Verantwortlichkeit des Menschen auf die Spitze: Weil der Gottesknecht ohnehin geschlagen ist, wird er noch mehr gepr\u00fcgelt. In Jesaja 53,5b steht: \u201eSo lange haben wir gepr\u00fcgelt, bis wir durch seine Striemen Erleichterung finden konnten.\u201c Es ist eine Beschreibung des Lustgef\u00fchls beim Schlagen, das f\u00fcr den Augenblick \u201eheilt\u201c. Wir pr\u00fcgeln auf andere ein, machen andere mit Worten fertig, weil wir mit uns unvers\u00f6hnt sind, um uns Erleichterung zu verschaffen. In der j\u00fcdischen Auslegung ist zu lesen: \u201eWenn wir ihn verletzten, war es uns, als ob wir geheilt w\u00fcrden \u2013 so sehr freuten wir uns an seinem Ungl\u00fcck. Wir finden Frieden durch die Schmerzen, die wir ihm zuf\u00fcgten.\u201c<\/p>\n<p>Nimmt man diese j\u00fcdische Auslegungstradition von Jeseja 53 ernst, dann ist es der Gottesknecht selbst, der sein Leben hingibt \u2013 aus freien St\u00fccken. Aber Gott l\u00e4sst ihn nicht fallen, sondern richtet ihn auf. Dieses Geschehen von Hingabe und Aufrichtung stiftet neu Beziehung, \u00fcberwindet die S\u00fcnde, die Beziehungslosigkeit. So s\u00fchnt er, wirkt\u00a0 heilend und er\u00f6ffnet neue Wege zum Leben. S\u00fchne im biblischen Sinn bedeutet nie, dass ein zorniger Gott bes\u00e4nftigt werden muss durch ein Opfer.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke ist so erst im Anschluss an Anselm von Canterbury im Mittelalter aufgekommen. Nach Anselms \u201eS\u00fchneopfertheorie\u201c musste der beleidigte und w\u00fctende Gottvater durch das Blut Jesu bes\u00e4nftigt und vers\u00fchnt werden. Das ist ein grobes Missverstehen. Biblisch muss es kein S\u00fchnehandeln geben als Genugtuung f\u00fcr Gott. Weder muss Gott gn\u00e4dig gestimmt, noch muss er \u201ezu seinem Recht kommen\u201c. Gegen\u00fcber diesen Missverst\u00e4ndnissen, als ob Gott in irgendeiner Art vers\u00f6hnt werden m\u00fcsste, ist ausdr\u00fccklich und entschieden mit Paulus zu betonen: Gott selber vers\u00f6hnte die Welt mit sich. Gott selbst ist der Handelnde. Gott sucht Vers\u00f6hnung. Er tut es aus Liebe zu uns. Gott wollte kein Menschenopfer haben. Weder erlaubt die Bibel Menschenopfer, noch wollten die M\u00f6rder Jesu ein Opfer bringen.<br \/>\n<b><br \/>\n3. Warum musste Jesus \u201ef\u00fcr uns\u201c sterben?<\/b><\/p>\n<p>Es geht bei diesem S\u00fchnegeschehen nicht nur um den Einzelnen, sondern um die Verstrickung der ganzen Gesellschaft. Alle leben wir in Schuldzusammenh\u00e4ngen. Unser Leben bedarf der S\u00fchne \u2013 das hei\u00dft des Hineingenommenwerdens in die Welt des Lebens, also zu Gott. Das feiern Juden am gro\u00dfen Vers\u00f6hnungstag, dem Yom Kippur, dass Gott die Schuld der Menschen \u201ebedeckt\u201c.<\/p>\n<p>Der Mensch in der modernen Welt ist davon \u00fcberzeugt, alles selbst zu schaffen. Auch die Erl\u00f6sung. Zudem ist sie st\u00e4ndig dabei, Schuld und ihre Folgen zu verdr\u00e4ngen oder sch\u00f6n zu reden oder mit \u201eSachzw\u00e4ngen\u201c zu bagatellisieren. All das f\u00fchrt dazu, dass wir mit S\u00fchne, die auf Gemeinschaft zielt, nichts anzufangen wissen.<\/p>\n<p>Paulus kann aus der j\u00fcdischen Tradition Gerechtigkeit, Heil oder Unheil nur sozial, also in Bezug auf Gemeinschaft denken. \u201eGerecht\u201c ist jemand, der das Zusammenleben erm\u00f6glicht (R\u00f6mer 3,25). Der \u201eGerechtfertigte\u201c ist dementsprechend derjenige, den Gott in seine Gemeinschaft aufnimmt, mit dem die Beziehung wieder stimmt, alles Misstrauen beseitigt ist. Glaube ich das, ist der Zustand der S\u00fcnde, der Beziehungslosigkeit, \u00fcberwunden, ges\u00fchnt (R\u00f6mer 3,28).<\/p>\n<p>Der Kern der biblischen Botschaft ist: Gott vergibt uns die Schuld, weil er Gott ist, weil er barmherzig und gn\u00e4dig ist. Und nicht, weil Jesus am Kreuz gestorben ist. Die biblischen und liturgischen Formulierungen, dass Jesus unserer S\u00fcnden wegen f\u00fcr uns gestorben ist, weisen auf etwas Entscheidendes hin: Es kommt uns zugute.<\/p>\n<p>Dass Jesus am Kreuz sterben musste, hat mit menschlicher Feigheit, Macht, Brutalit\u00e4t und letztlich Schuld zu tun. Gott hat die Grausamkeit der Menschen v\u00f6llig umgewandelt, wie nur er Hass und Ungl\u00fcck verwandeln kann. So ist das Kreuz Jesu Ausdruck und Summe unserer Grausamkeit und Ausdruck und Summe der Feindesliebe, der Vers\u00f6hnungstat, der allumfassenden Liebe Gottes.<\/p>\n<p>Johannes deutet den Tod Jesu als Freundschaftsdienst: \u201eEs gibt keine gr\u00f6\u00dfere Liebe, als wenn einer sein Leben f\u00fcr seine Freunde hingibt\u201c (Johannes 15,13). Am Kreuz hat uns Jesus bis zur Vollendung geliebt, um denen, die sich selbst aufgegeben haben und sich selber nicht akzeptieren k\u00f6nnen, die Augen zu \u00f6ffnen und ihnen diese Botschaft zu vermitteln. Diese Liebe zu uns am Kreuz ist die intensivste Predigt, die Jesus gehalten hat, eine Predigt mit seiner ganzen Existenz: \u201eDu bist mit allem, was du bist, auch mit deiner Schuld, von Gott geliebt. Gottes Liebe will in alle Gegens\u00e4tze deiner Seele dringen, in die St\u00e4rken und Schw\u00e4chen, in die Licht- und Dunkelseiten, auch in deine Schuld.\u201c<\/p>\n<p>Mit dem Blick auf Kreuz und Auferstehung Jesu erkenne ich die Liebe Gottes, die mich annimmt, mir Schuld vergibt, die mich auch mit all meinen aggressiven, feigen, dunklen und destruktiven Tendenzen meiner Seele nicht fallen l\u00e4sst, sondern verwandeln will. Am Kreuz siegt die Liebe \u00fcber menschliches Versagen. Sie siegt auch \u00fcber unsere Selbstentfremdung und Selbstverurteilung. Gott hat alles N\u00f6tige daf\u00fcr getan. Das ist die befreiende Botschaft f\u00fcr uns.<\/p>\n<p><i>Andreas Goetze ist Landespfarrer f\u00fcr interreligi\u00f6sen Dialog.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karfreitag ist der Tag, der nicht sein sollte. Im Grunde m\u00fcsste man ihn ausradieren aus den Kalendern. Denn wir sind harmoniebed\u00fcrftige Menschen. Mit rastlosem Gr\u00f6\u00dfenwahn und unendlicher Sehnsucht nach der eigenen Unschuld. Einblick nehmen in Verstrickungen? In das eigene, abgr\u00fcndige Ich? 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